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Die blinden Flecken der Ökonomie
Broschiert
- 303 Seiten
2. Auflage April 2002
ISBN: 978-3-87998-452-7
Dieses Buch erscheint nun im Gauke Verlag

Bernd Senf zeigt die Stärken und Schwächen der gängigen Wirtschaftstheorien auf und entwirft eine undogmatische Synthese ihrer richtigen Erkenntnisse.

Während im Zuge der Globalisierung immer mehr Lebensbereiche den wirtschaftlichen Sachzwängen unterworfen werden, ist das Bewußtsein für die »blinden Flecken« der Ökonomie bisher wenig entwickelt. Dabei beeinflussen Wirtschaftstheorien die gesellschaftliche Entwicklung viel stärker, als gemeinhin angenommen wird, und sie haben bei der Lösung von Krisen schon mehrmals versagt. Vom blinden Glauben an den Neoliberalismus gehen heute erneut Gefahren aus, die es rechtzeitig zu erkennen gilt, bevor die Entwicklung zu neuen Katastrophen führt.  

Bernd Senf, lehrte von 1973 bis März 2009 als Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule für Wirtschaft (FHW) Berlin. Seit April 2009 ist er nur noch frei schaffend tätig – mit  Vorträgen, Seminaren, Workshops, Veröffentlichungen und der Begleitung zukunftsweisender Projekte. Von ihm sind u. a. erschienen: >Politische Ökonomie des Kapitalismus< (Berlin 1978), >Der programmierte Kopf - Zur Sozialgeschichte der Datenverarbeitung< (zusammen mit Peter Brödner und Detlev Krüger, Berlin 1981), >Der Nebel um das Geld - Zinsproblematik, Währungssysteme und Wirtschaftskrisen< (Lütjenburg 1996) sowie >Die Wiederentdeckung des Lebendigen< (Frankfurt am Main 1996).

 
 
Wirtschaftstheorien werden nicht im luftleeren Raum entwickelt, sondern sie entstehen aus den jeweiligen gesellschaftlichen Gegebenheiten. Die Ökonomie ist eben keine exakte Wissenschaft. Wie Bernd Senf überzeugend und allgemeinverständlich darlegt, versucht jede neue ökonomische Theorie die »blinden Flecken« der vorangegangenen zu erhellen - der Marxismus war eine Antwort auf den Liberalismus, der Neoliberalismus reagierte auf den Keynesianismus. Doch anstatt die positiven Aspekte der »überholten« Theorie zu integrieren und zu verbessern, wurden und werden diese oftmals radikal ausgeklammert, wenn ein allgemeingültiges neues ökonomisches Weltbild etabliert werden soll. So wird ein sich selbsterhaltendes System von blinden Flecken geschaffen, das von seinen Vertretern oft mit fast schon religiösem Eifer verteidigt wird - die Folgen können katastrophal sein, wie die Weltwirtschaftskrisen und die Börsencrashs der jüngsten Zeit zeigen. Bernd Senf zeigt die Stärken und Schwächen der einzelnen Theorien auf und entwirft eine undogmatische Synthese ihrer richtigen Erkenntnisse und deren Weiterentwicklung.

Buchbesprechungen
Buchbesprechung von Thomas Betz in der Zeitschrift für Sozialökonomie (pdf 86k)
Buchbesprechung von Wolfgang Fischer in Emanzipation Humanum   
Buchbesprechung von Renate Börger   
Rezensionen auf www.amazon.de
 

Vorträge
Vortrag von Bernd Senf zu diesem Buch als CD/MC

 
Zusätzliche Artikel von Bernd Senf zu diesem Buchtitel (exklusiv auf dem Web!)
Synthese zwischen Marx und Gesell? Für einen Abbau ideologischer Mauern (pdf 304k)
Ricardo und der Boden Zur historischen und aktuellen Bedeutung der Differentialrenten-Theorie (pdf 217k)
Kreditbedarf, Verschuldung und Enteignung - ein Grundmuster in der Geschichte des Geldes (pdf 147k)
Gewalt als Begründer und Begleiter des Feudalismus (pdf 268k)
Silvio Gesells Kritik am privaten Bodeneigentum - und seine Vorschläge für eine Bodenreform (pdf 168k)
Die Massenpsychologie des Faschismus (pdf 154k)
Die Marxsche Utopie und der Realsozialismus - Übereinstimmung oder Widerspruch (pdf 167k)
Der Zins bei Marx und Gesell - Über das Verhältnis von Wert-Schöpfung und Wert-Abschöpfung (pdf 131k)
Der Wahnsinn des durchdrehenden Kapitalismus (pdf 135k)
Der kranke Wohlstand - Zur Bedeutung von Wilhelm Reich für die Wirtschaftstheorie (pdf 276k)

 



Inhaltsverzeichnis

7

Einleitung: Ökonomie als neue Weltreligion
   

14

François Quesnay: Die Wirtschaftstheorie der Physiokraten - 
ein wissenschaftlicher Rettungsversuch des Feudalismus
 

20

Adam Smith: Der bürgerliche Liberalismus
die Botschaft vom allgemeinen wachsenden Wohlstand
20 Die Auflehnung des Bürgertums gegen die Feudalherrschaft
22 Elemente der klassischen Theorie
30 Licht und Schatten der Arbeitsteilung
43 Gewinn und Verlust - Zuckerbrot und Peitsche
45 Die klassischen Vorstellungen von der Funktionsweise der Marktmechanismen
55 Kapitalismus und Verelendung der Arbeiter
 
58 Karl Marx: Die soziale Krise des Kapitalismus 
und die Erschütterung der bürgerlichen
Gesellschaft
58 Die Theorie der Entfremdung
61 Die historische Entstehung des Kapitalismus: die ursprüngliche Akkumulation
69 Die Mehrwerttheorie
102 Die blinden Flecken bei Marx
  
117 Menger, Jevons und Walras: Die Neoklassik
eine neue heile Welt der Ökonomie
117 Der ideologische Gegenschlag gegen den Marxismus
119 Das neoklassische Theoriegebäude
142 Mein Zweifeln an der Neoklassik
144 Von der Ökonomie zur Psychoanalyse - mein Zugang zu Freud und Reich
147 Wirtschaft gesund - Mensch krank
148 Die emotionale Blindheit der Neoklassik
149 Die neoklassische Blindheit gegenüber immanenten Krisen
  

151

Silvio Gesell: Freiwirtschaftslehre und 
natürliche Wirtschaftsordnung - weder Kapitalismus noch Sozialismus
153 Gesells Kritik an Marx
159 Die Problematik des Zinssystems
191 Die Lösung der Blockierung ist die Lösung
195 Die Blindheit der Freiwirtschaftslehre gegenüber der Natur
 
198 John Maynard Keynes: Weltwirtschaftskrise 
und die Revolution des ökonomischen Denkens
199 Das Theoriegebäude von Keynes
214 Die Keynessche Beschäftigungstheorie und -Politik
230 Die blinden Flecken des Keynesianismus
240 Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Keynes und Gesell
 
242 Milton Friedman: Die »monetaristische Gegenrevolution« 
als Wegbereiter von Neoliberalismus und Globalisierung
243 Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems und Inflationsgefahr in den USA
244 Monetarismus - der »monetäre Drogenentzug«
246 Friedmans Erklärung der Weltwirtschaftskrise
249 Die geldpolitischen Konsequenzen des Monetarismus
253 Monetarismus und Wiederauferstehung des Liberalismus
256 Monetarismus und Konfliktverschärfung
 
269 Gefahren der Globalisierung ­ eine Auswahl kritischer Bücher
270 James Goldsmith: Die Falle
272 Jeremy Rifkin: >Das Ende der Arbeit<
275 Hans-Peter Martin und Harald Schumann: >Die Globalisierungsfalle<
278 Maria Mies und Claudia von Werlhof: >Lizenz zum Plündern
Das multilaterale Abkommen über Investitionen (MAI)<
281 Viviane Forrester: >Der Terror der Ökonomie<
282 George Soros: >Die Krise des globalen Kapitalismus<
287 Anmerkungen
298 Literatur
 

 

 

Einleitung: Ökonomie als neue Weltreligion

Wirtschaftliche Sachzwänge bestimmen weite Bereiche unseres individuellen und gesellschaftlichen Lebens und setzen den Rahmen für die Gestaltungsmöglichkeiten von Politik. Wir haben uns daran gewöhnt, daß Entwürfe für gesellschaftliche Veränderungen immer erst die Nagelprobe der »ökonomischen Vernunft« zu bestehen haben. Alles, was sich rechnet, hat in der Marktwirtschaft die Chance, realisiert zu werden, und dies um so eher, je größer die davon zu erwartenden Gewinne sind. Was dagegen Verluste bringt oder diese befürchten läßt, ist auf private oder öffentliche Unterstützung angewiesen und hat es ungleich viel schwerer - insbesondere in Zeiten, in denen die öffentlichen Mittel knapp geworden sind. Sogar die Chancen politischer Parteien bei demokratischen Wahlen hängen wesentlich davon ab, inwieweit ihnen die Wähler wirtschaftliche Kompetenz zutrauen.

Fast alles, was die Nagelprobe wirtschaftlicher Vernunft nicht besteht, wird als veraltet, unrealistisch oder utopisch an den Rand gedrängt und ausgegrenzt, als habe es in unserer Gesellschaft keine eigenständige Existenzberechtigung. Die »Gesetze des Marktes« haben sich in ihrem Wirkungsbereich seit Jahrhunderten über Europa hinaus ausgedehnt - durch Fernhandel, Kolonialismus und die Entfaltung des Weltmarkts. Aber es gab immer noch große Teile der Erde, die von diesen Gesetzen nicht erfaßt waren oder sich ihnen widersetzt hatten. Das gilt nicht nur für die sozialistischen Systeme, in denen sich über Jahrzehnte hinweg keine tragfähige Alternative entwickelt hat und die in jüngerer Zeit (mit wenigen Ausnahmen) zusammen- beziehungsweise auseinandergebrochen sind; es gilt auch für die Gesellschaften und Lebensformen, die weitgehend unserem Blick und unserem Bewußtsein entrückt sind, aber in früheren Zeiten die wesentliche Existenzgrundlage und Lebensform der Menschen darstellten: die sich selbst versorgenden Gemeinschaften, die sogenannten »Subsistenzwirtschaften«.

Mit dem Zusammenbruch der sozialistischen Planwirtschaften scheint nun der Weg endgültig frei, dem Glauben an die Segnungen der Marktwirtschaft unter dem Begriff der »Globalisierung« weltweit zum Durchbruch zu verhelfen. Diejenigen Teile der Welt, die von den Gesetzen des Marktes noch ganz oder weitgehend unberührt geblieben sind, werden immer kleiner. Waren es früher Armeen, mit denen andere Länder und Kontinente erobert und unterworfen wurden, so sind es inzwischen Unternehmen und Konzerne, die weltweit neue Märkte erobern. 
Diese Prozesse haben sich über Jahrhunderte hinweg entwickelt, und über Jahrhunderte hinweg gab es und gibt es auch eine Wissenschaft, die diese Prozesse beschreibt, legitimiert, mit vorantreibt und diskutiert: Gemeint sind die Wirtschaftswissenschaften, die immer wieder mit dazu beigetragen haben, wirtschaftliche Realität zu gestalten, zu legitimieren und die Welt auf die eine oder andere Weise umzuformen.
Ihr Anteil an diesen Umformungsprozessen ist den wenigsten Menschen bewußt, und für die meisten ist er auch viel zu undurchsichtig, um ihn begreifen zu können. Während sie auf der einen Seite den Gesetzen des Marktes und ihren Folgen selbst unterworfen sind, vertrauen die meisten Menschen denjenigen, die diese Gesetze formuliert oder legitimiert haben, und den Instanzen, die deren Durchsetzung erzwingen. Denn all dies geschieht ja erklärtermaßen zum besten aller. Die Ökonomen haben hierfür einen Fachausdruck: Sie sprechen von der »optimalen Allokation der Ressourcen« und meinen damit die denkbar beste Verwendung der Ressourcen - im Sinne bestmöglicher Befriedigung menschlicher Bedürfnisse.
Der Glaube an die ökonomische Vernunft ist längst zu einer neuen Weltreligion geworden, nachdem die alten Religionen - jedenfalls in unseren Breiten - mehr und mehr an Überzeugungskraft und Akzeptanz verloren haben.' Nur wird diese neue Weltreligion nicht in den Kirchen gepredigt, sondern in den Universitäten und Fachhochschulen; und die Quintessenz ihres Glaubens ist längst eingeflossen in die Schulbücher, in die Massenmedien und in das Denken und Handeln von Politikern und Gewerkschaftlern. Und jeder weiß: Wer die Gesetze des Marktes verletzt oder sich ihnen widersetzt, hat Schlimmes zu befürchten. Die Strafe folgt auf dem Fuße, und zwar nicht erst im Jenseits, sondern schon auf Erden: Das Unternehmen macht Konkurs, die politische Partei verliert die Wahlen, die Gewerkschaften verlieren ihre Mitglieder, und der einzelne Lohnabhängige oder Wissenschaftler verliert seinen Arbeitsplatz - mit Ausnahme weniger Nischen, in denen abweichendes Denken und Verhalten sozusagen als Narrenfreiheit noch geduldet wird.
Mit Fassungslosigkeit, mindestens mit Unverständnis stehen viele moderne Menschen dem Absolutheitsanspruch des Papstes, seiner Bischöfe und Priester oder auch der Mullahs und Ayatollahs gegenüber. Daß aber längst auch die weltliche Wirtschaftswissenschaft Heilslehren verkündet und sich zu einem Glaubenssystem mit Unfehlbarkeitsanspruch entwickelt hat, ist den meisten weitgehend verborgen geblieben. An die Stelle des kirchlichen Gottes ist für sie der Gott des Marktes, der »Marktgott« getreten - als scheinbarer Inbegriff höherer Weisheit.

Zwei Unterschiede zwischen kirchlichem Gott und Marktgott sind allerdings augenfällig: Der erste Unterschied besteht darin, daß bei der Erfüllung göttlicher Gesetze das Paradies im Himmel winkt, während bei Erfüllung der Marktgesetze das Paradies auf Erden versprochen wird. Das kirchliche Versprechen ist schwer überprüfbar, man kann es glauben oder nicht. Aber das Versprechen der Ökonomen bezieht sich auf das Diesseits - und sollte entsprechend auch an den Erfolgen oder Mißerfolgen ihres Glaubenssystems auf Erden gemessen werden.
Der zweite Unterschied liegt darin, daß zumindest das christliche Glaubensbekenntnis den »Schuldigern« noch vergibt: »Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.« Das moderne Glaubensbekenntnis des Marktes tut das nicht: Es fordert vielmehr mit Unbarmherzigkeit und Unerbittlichkeit die Rückzahlung der Schulden von den Schuldnern: vom Staat, von den Unternehmen, von den Haushalten, von ganzen Ländern und global betrachtet insbesondere von der Dritten Welt. Mit wenigen Ausnahmen gewährt es keinen Schuldenerlaß, sondern stellt harte Bedingungen, die an die Vergabe immer neuer Kredite geknüpft werden.
Die Priester der kirchlichen Religionen sprechen oftmals eine Sprache, die vom gemeinen Volk nicht verstanden wird. Bis zur Bibelübersetzung von Luther war der Text der Bibel nur im Lateinischen zugänglich, und die Predigten der katholischen Kirche wurden bis in die jüngste Zeit in lateinischer Sprache gehalten. Was sie den Gläubigen abverlangen, ist Respekt vor ihrer Autorität und blinder Glaube in die verkündete Weisheit. Aber welcher Gefahr setzten sich die Gläubigen aus, wenn die vermeintlich Sehenden selbst auf einem oder auf mehreren Augen blind - und in ihrem blinden Glauben gefangen sind, weil sie das, was sie sehen, verabsolutieren und fälschlicherweise für die ganze Wirklichkeit oder für die einzige Wahrheit halten?
Wie groß erscheint demgegenüber der Fortschritt, den die Wissenschaft dem blinden Glauben und religiösen Fanatismus entgegengesetzt hat. Aber der Schein trügt! Auch die modernen Priester der Ökonomie kleiden sich in ein Priestergewand, in das Gewand der Wissenschaft, und sprechen eine Sprache, die das gemeine Volk nicht versteht. Sie fordern auf ihre Art den blinden Glauben an die Gesetze des Marktes und der »wirtschaftlichen Vernunft«.
Innerhalb der Wirtschaftswissenschaft hat es über Jahrhunderte hinweg immer wieder heftige Glaubenskämpfe gegeben, es haben sich Hauptströmungen herausgebildet, von denen mal die eine und mal die andere die Oberhand gewonnen hat, aber auch »ketzerische« Nebenströmungen, die mehr oder weniger ausgegrenzt wurden. Kennzeichnend für die verschiedenen Richtungen der Ökonomie scheint mir bisher gewesen zu sein, daß sie jeweils auf einem Auge sehend, auf dem anderen aber blind waren. Oder anders ausgedrückt, daß ihr Blick für die Realität mehr oder weniger - und auf unterschiedliche Weise - durch verschiedene blinde Flecken getrübt war.

Problematisch daran ist nicht, daß es immer wieder solche blinden Flecken gegeben hat und gibt, sondern daß die auf unterschiedliche Art getrübten Sichtweisen sich jeweils als die ganze Wahrheit ausgaben und ihren Absolutheitsanspruch durchzusetzen versuchten - bis das jeweils Verdrängte sich sein Recht zum Teil mit Gewalt einforderte und Korrekturen in der Theoriebildung und in der Gestaltung gesellschaftlicher Verhältnisse erzwang. Bislang Verdrängtes rückte dadurch ins Blickfeld, und so bestanden immer wieder Chancen, verzerrte Wahrnehmungen zu korrigieren. Was aber statt dessen im Bereich der Wirtschaftswissenschaft durch die Jahrhunderte hindurch geschehen ist, folgt nur wenig dieser Möglichkeit fortschreitender Bewußtseinsentwicklung, sondern läßt sich mehr als ein Prozeß wechselnder Verdrängungen interpretieren: An die Stelle der einen Trübung trat eine andere, mit jeweils problematischen bis verheerenden Konsequenzen für die soziale Realität.

Wenn es nur »Bewußtseinstrübungen« von Menschen wären, die sich in den vermeintlichen Elfenbeinturm der Wissenschaft zurückgezogen haben, dann wäre vieles einfacher. Aber ihr Denken war (und ist) vielfach prägend für die Gestaltung der Lebensbedingungen von Millionen oder Milliarden von Menschen auf dieser Erde. Dieser Meinung war schon John Maynard Keynes, einer der bekanntesten Ökonomen des 20. Jahrhunderts. 1936 schrieb er in seinem Hauptwerk >Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes<: »(...) die Gedanken der Ökonomen und Staatsphilosophen, sowohl wenn sie im Recht, als wenn sie im Unrecht sind, (sind) einflußreicher, als gemeinhin angenommen wird. Die Welt wird in der Tat durch nicht viel anderes beherrscht. Praktiker, die sich ganz frei von intellektuellem Einfluß glauben, sind gewöhnlich die Sklaven irgendeines verblichenen Ökonomen. Wahnsinnige in hoher Stellung, die Stimmen in der Luft hören, zapfen ihren wilden Irrsinn aus dem, was irgendein akademischer Schreiber ein paar Jahre vorher verfaßte.«

Deshalb sollte die Gesellschaft die Priester der Ökonomie nicht einfach predigen lassen und blindlings danach handeln, sondern sich genauer ansehen und anhören, worum es bei den von ihnen verkündeten Weisheiten eigentlich geht. Das setzt allerdings voraus, daß deren Schriften erst einmal aus ihrer Wissenschaftssprache ins Deutsche übersetzt werden - in eine allgemeinverständliche Sprache und Darstellungsform, die es vielen Menschen überhaupt erst möglich macht, sich mit ihren Gedanken und deren Konsequenzen jeweils näher und kritisch auseinanderzusetzen. Das vorliegende Buch will dazu einen Beitrag leisten. Dabei geht es mir nicht nur darum, die jeweils blinden Flecken der Ökonomie darzulegen, sondern auch aufzuzeigen, welche »sehenden Flecken« die einzelnen Richtungen jeweils aufzuweisen hatten, die dann später wieder in Vergessenheit gerieten. Denn diese beinhalten die Chance eines umfassenderen und klareren Bildes von der Wirklichkeit. Anstelle dogmatischer Erstarrungen der unterschiedlichsten Ausprägungen, wie sie auch für die Geschichte der Wirtschaftswissenschaften kennzeichnend sind, gilt es, ein offenes System des Denkens und der Wahrnehmung zu entwickeln, das zu ständiger Weiterentwicklung im Kontakt mit der sich verändernden Realität fähig ist.

Nur offene Systeme sind langfristig lebens- und überlebensfähig, geschlossene und starre Systeme gehen an ihrer eigenen Starrheit zugrunde. Das gilt auch für Denksysteme, insbesondere wenn sie - wie die Ökonomie - den Anspruch haben, die Lebensgrundlagen auf dieser Erde langfristig sichern zu helfen. Denn was sonst sollte gemeint sein mit der »optimalen Allokation der Ressourcen«? Es kann doch eigentlich nur darum gehen, Bedingungen zu schaffen, unter denen die Geschöpfe dieser Erde möglichst weitgehend in ihr Entfaltungspotential hineinwachsen können, zu möglichst voller Blüte und Reifung sich entwickeln können: Männer wie Frauen, Kinder wie Alte, Schwarze wie Weiße, Rote wie Gelbe, Stämme wie Völker, Tiere wie Pflanzen, Himmel wie Erde. Kurz: daß der lebende Organismus Erde, der in den letzten Jahrhunderten durch die industrielle Entwicklung und verstärkt in den letzten Jahrzehnten immer mehr geschädigt worden ist, in allen seinen Teilen wieder gesunden kann.

Die Schaffung einer insoweit heilsamen, naturverträglichen Ökonomie wird eine wesentliche und notwendige Voraussetzung für einen globalen Heilungsprozeß und für eine Heilung des krank gewordenen sozialen Organismus der Industriegesellschaft sein. Um auf diesem Weg voranzukommen, müssen wir uns auch der blinden Flecken der Ökonomie bewußt werden, damit wir sie überwinden können. Und weil die Lösung dieser Aufgabe am wenigsten von denen zu erwarten ist, die in ihrer eigenen Blindheit gefangen sind, bedarf es vor allem auch der ganz normalen Menschen, der Nicht-Experten, die vielfach noch offener für neue und erweiterte Sichtweisen sind. An sie vor allem richtet sich dieses Buch. Nach nunmehr über dreißig Jahren beruflicher Beschäftigung mit Wirtschaftswissenschaft3 habe ich nicht nur das Vertrauen in die Selbstheilungskräfte des Marktes, sondern auch in die Selbstheilungskräfte der Ökonomie als Wissenschaft gründlich verloren.
Die Wirtschaftswissenschaftler haben sich nach meinem Eindruck vielfach in die Gebäude ihrer Theorien eingemauert, und die Fundamente dieser Mauern bestehen aus den Grundbegriffen ihrer Theorien. Anstatt sich in das Gemäuer dieser Theoriegebäude hineinzubegeben und sich in der Dunkelheit, in der Enge und in den Details ihres Labyrinths immer mehr zu verlieren, kann auch versucht werden, die Fundamente der Grundbegriffe auf ihre Tragfähigkeit hin abzuklopfen. Dieser Weg soll im folgenden beschritten werden. Ich werde immer wieder versuchen, die Grundrisse der Theoriegebäude allgemein verständlich darzustellen und zu umreißen, um dann den Blick vor allem auf die jeweiligen Fundamente zu richten. Wenn nämlich schon die Fundamente nicht - oder nur zum Teil - tragfähig sind, dann brauchen wir uns auch nicht näher mit den ganzen Gebäuden samt den Details ihrer Inneneinrichtungen und Außenverzierungen auseinanderzusetzen, die auf dieser brüchigen Basis errichtet worden sind. Sie werden dann von selbst zusammenstürzen. Aber die tragfähigen Teile eines Fundaments könnten vielleicht erhalten, ausgebaut und zusammengefügt werden mit tragfähigen und ausbaufähigen Fundamenten anderer Gebäude, um daraus etwas Neues, Umfassenderes und Solideres entstehen zu lassen, an dem immer weiter gebaut und korrigiert werden kann.
Ich bin selbst durch etliche der Theoriegebäude hindurchgegangen, habe sie mir von innen angesehen, war teilweise sogar tief von ihnen beeindruckt, bis ich mich wieder herausbegeben und sie aus einigem Abstand betrachtet habe. Erst aus der Distanz werden vielfach grundlegende Zusammenhänge klarer. Es ist sicherlich kein Zufall, daß umwälzend neue Sichtweisen - nicht nur im Bereich der Wirtschaftswissenschaften -vielfach von Außenseitern entwickelt wurden, während die jeweiligen Experten oft von Blindheit geschlagen waren. Zum Glück habe ich mich selbst, soweit ich das beurteilen kann, nie von irgendeiner dogmatischen Richtung einbinden lassen, sondern mich darum bemüht, eine Offenheit des Denkens und des Handelns zu entwickeln und zu bewahren, was nicht immer leicht war. Aber eine möglichst große Offenheit - auch gegenüber verketzerten Außenseitern - war für mich immer wieder Quelle wichtiger Anregungen, mein Denken und mein Handeln in Bewegung zu halten.

Entsprechend werde ich auch in diesem Buch versuchen, die Reise durch die Theoriegebäude der Ökonomie und ihre jeweilige historische und soziale Umgebung zu gestalten. Auch und gerade für diejenigen, die bisher gemeint haben, Wirtschaft oder Wirtschaftswissenschaft sei für sie sowieso unverständlich, langweilig oder gar abstoßend, kann es eine spannende Reise werden. Und die Ökonomen aller Richtungen sind natürlich ebenso herzlich eingeladen, an dieser Reise teilzunehmen - und sich auf die Ebene einfacher Sprache und Darstellungsform herabzulassen. <<<<<
 

 

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Version: 31.03.09 19:43:48